Kein Diktat

„Wir schreiben Diktat, nehmt die Hefte hervor“, sagt der Lehrer mit fast schon militärischer Autorität. Ein Raunen geht durch die Klasse. Während die Streberinnen in der ersten Reihe vergnügt ihre wohlgespitzten Bleistifte zücken, verdreht sich den meisten Klassenkameraden der Magen.

Kommt Ihnen die Szene bekannt vor? Haben Sie in der Schule Diktate schreiben müssen? Machte dies Ihnen Spass oder jagte es Ihnen Angst ein? Welche Beziehung hatten Sie zur Rechtschreibung? Fiel es Ihnen leicht, zwischen i und ie zu unterscheiden, t und th auseinanderzuhalten? Waren Sie treffsicher bei Gross- und Kleinschreibung? Oder bereiten Ihnen das und dass heute noch Kummer?

Sollten Sie zur Gruppe gehören, der Diktate in der Grundschule auf den Magen schlugen, haben Sie vielleicht später im Leben die Angst vor dem Rotstift überwunden und mit Freude zu schreiben begonnen. Möglicherweise haben Sie sich aber nie von dem Eindruck gelöst, dass Sie nicht schreiben können.

Schreiben Sie regelmässig im Beruf, treibt Ihnen der Gedanke an ein leeres Blatt Papier vermutlich keine Schweissperlen auf die Stirn. Dennoch sind Sie vielleicht der Meinung, dass Ihnen das kreative Schreiben nicht liegt, dass Sie nichts zu sagen haben. Zählen Sie sich zu den Naturtalenten oder haben Sie bereits Ideen, Erinnerungen oder Sorgen niedergeschrieben, haben Sie sich wahrscheinlich schon von überhöhten Ansprüchen und übertriebenen Ängsten verabschiedet.

Lassen Sie Rechtschreibung und Grammatik einmal links liegen, und konzentrieren Sie sich einfach auf Ihre innere Stimme. Lassen Sie die Worte fliessen – ohne Rücksicht auf Regeln. Sie werden überrascht sein, was in Ihnen schlummert. Nehmen Sie das Diktat-Heft in die Hand und strafen Sie Zweifler Lügen – insbesondere den schärfsten Kritiker, der vermutlich in Ihnen selbst steckt.